Donnerstag, 30. Juli 2026
Interessantes Vorbild, fehlerhaftes Modell - Dino 308 GT4 LM NART Le Mans 1974 von Tecnomodel, 1:43
Mit dem Dino 308 GT4 erschien 1973 ein für Ferrari ziemlich ungewöhnliches Fahrzeug: Achtzylinder-Mittelmotor, 2+2 Sitze und ein Design von Marcello Gandini für Bertone, der Dino blieb das einzige Serienauto dieser Carrozzeria für Ferrari, gefertigt wurde er dann dennoch bei Scaglietti. Über den 308 GT4 haben wir bereits berichtet, als Top Marques ein schönes 1:43-Modell produziert hat, zu finden unter diesem Link.
Ferrari selbst hatte keinerlei Interesse daran, den Dino im Rennsport einzusetzen, aber in den USA war es etwas anders. Luigi Chinetti, Ferrari-Importeur für die Staaten und Chef des North American Racing Teams (NART) wollte das neue Modell promoten und fand mit dem Ferrari-Sammler Bill Schanbacher einen solventen Mitstreiter. So wurde der Dino mit der Fahrgestellnummer 08020 in Maranello nach allen Regeln der Tuningkunst fit gemacht. Gewicht wurde durch die Verwendung von Karosserieteilen aus Aluminium und Kunststoff sowie durch Plexiglasscheiben gespart. Breitere Kotflügel zur Aufnahme entsprechender Räder, Frontspoiler und Heckflügel zeigten, dass der Dino jetzt ein Rennwagen sein sollte. Natürlich wurden Fahrwerk und Bremsen optimiert. Beim Triebwerk konnte man passende Teile aus den Zwölfzylindern der Daytona Competizione nutzen, da die Maße gleich waren. So wanderten Kolben und Pleuel in den Dino, größere Vergaser und geändertes Auspuffsystem ermöglichten eine Leistung von 300 PS gegenüber 255 beim Serienauto. Mehrteilige Räder von Speedline in den Größen 8x15 vorne und 10,5x15 hinten trugen Rennreifen von Goodyear. Ein elastischer Renntank wurde anstelle der hinteren Sitze eingebaut. Insgesamt konnte man trotz obligatorischem Überrollkäfig und Feuerlöscher über 200 kg einsparen, der Dino wog um die 1150 kg. Problematisch war allerdings die Homologation, obwohl es sich eigentlich um einen typischen GT handelte, musste der 308 GT4 als Sportwagen der Gruppe 5 antreten, zu kleine Stückzahl und zu viele Änderungen zur Serie ließen keine andere Möglichkeit zu. Gegen Matra, Mirage usw. hatte man natürlich von vorneherein keine Chance.
Wie so oft wurde die Zeit knapp, also musste der eben fertiggestellte Rennwagen ohne Testfahrten nach Frankreich transportiert werden. Das Italo/französische Fahrerteam Giancarlo Gagliardi / Jean-Louis Lafosse hatte beim Training einige Probleme, immerhin erreichten sie 283 km/h in der Spitze. Man platzierte sich in der Startaufstellung auf Rang 38 von 49 Teilnehmern, aber bald kam Lafosse, der den ersten Stint fahren durfte, mit überhitzten Bremsen an die Box. Nach einem längeren Stopp versuchte er es noch einmal, leider gab bereits in der vierten Rennstunde die Kupplung ihren Geist auf. Tatsächlich tauchte der Dino 1975 noch einmal auf und wurde zur „Hauptperson“ eines Streits von Luigi Chinetti mit den Organisatoren der 24 Stunden. Da das Auto in der Qualifikation knapp und etwas unglücklich gescheitert war, durfte es nicht an den Start gehen. Daraufhin zog der NART-Chef kurzfristig alle seine vier Fahrzeuge zurück. Damit war die Renngeschichte des Dino 308 GT4 LM schon zu Ende.
Bill Schambacher behielt 08020 rund zehn Jahre, bevor er ihn an einen anderen US-Sammler namens Howard Torman verkaufte. Dieser zeigte das Auto bei einigen historischen Events, bevor er es 1999 nach England veräußerte. Der neue Besitzer ließ den Dino restaurieren, man ging mit aller Vorsicht an die Aufgabe, um möglichst viel Originalität zu bewahren. Zusätzlich ließ er ihn bei Ferrari Classiche zertifizieren. Zweimal konnten die Fans sich freuen, denn 2004 und 2006 war der Renner bei den Le Mans Classic dabei. Und wenn man der Website von Girardo glauben darf, steht er seit 2022 zum Verkauf, allerdings ohne Preis...
Nun ist also von Tecnomodel endlich das lange angekündigte Modell des Dino 308 GT4 LM in 1:43 erschienen, die 1:18-Sammler wurden schon vor fast vier Jahren bedient. Bisher gab es in 1:43 nur ältere Kits aus Italien, die leider nicht besonders toll waren. Ob Tecnomodel hier Abhilfe schafft und die Lücke schließt? Auf den ersten Blick sieht der Dino ganz gut aus, die Fertigungsqualität ist in Ordnung, die Grundform stimmt im Großen und Ganzen. Bei den Details muss ich in das alte Lied einstimmen, warum macht man so viele unnötige Fehler, obwohl man heute über viel bessere Recherchemöglichkeiten verfügt? Früher fand man von nicht so wichtigen Rennautos vielleicht eine Dreiviertelansicht in schwarz-weiß, den Rest musste man erraten. Heute gibt es tolle Bücher, Webseiten und Foren. Man muss nur aufpassen, dass man Originalfahrzeug, restauriertes Exemplar oder eventuelle Replicas auseinanderhält. Dabei hat das Tecnomodel-Team wieder einmal versagt. Merkmale wie die zwei Löcher in der fahrerseitigen Seitenscheibe (da gehört auch ein Schiebefenster hin wie rechts), die falsche Position des Scheibenwischers oder die falschen Reifenbeschriftungen entsprechen dem restaurierten Fahrzeug. Weitere Punkte ohne den Anspruch auf Vollständigkeit:
- Zusatzscheinwerfer sitzen zu tief
- Auf dem Frontspoiler fehlen zwei Sticker unterhalb der Scheinwerfer
- Viele Werbeaufkleber sitzen nicht am richtigen Platz oder fehlen z.B. auf den vorderen Kotflügeln
- Der linke SEV Marchal-Aufkleber auf der Schnauze müsste über den weißen Streifen lappen
- Der Winkel des N.A.R.T. auf der vorderen Haube ist falsch, ebenso die Drehung der Startnummer auf der Motorhaube (hinten)
- Auf dem Dach fehlen zwei feine blaue Streifen parallel zum breiteren Streifen
- Auf den seitlichen Startnummernfeldern fehlt die zusätzliche Beschriftung
- Die A-Säulen sind etwas zu dick, das Dach wirkt leicht konkav durchgebogen
- Der Heckflügel ist etwas zu hoch
- Die Reifen sehen zu dick aus, vor allem hinten, dadurch zu viel Bodenfreiheit
- Die Goodyear-Schriftzüge über den Hinterrädern sind zu klein
- Das Cavallino Rampante vor der Fahrertüre finde ich auf keinem Foto, auch nicht beim restaurierten Auto
Tecnomodel kann das natürlich völlig egal sein, die 175 Stück von Le Mans 1974 sind fast überall schon ausverkauft, weil viele Sammler entweder nicht so genau hinsehen oder mangels zu erwartender Alternative kaufen (wie ich). Im Internet gibt es übrigens Decals für das Auto, ich habe die mal bestellt, ob sie genau passen, wird sich zeigen. Damit könnte man vielleicht einige der Fehler berichtigen. Und wenn der Dino mal in der Vitrine steht, fällt er nicht mehr ganz so negativ auf...
Fotos und Text: Rudi Seidel

























