Donnerstag, 14. Mai 2015

Raubkatzen im Maßanzug - Jaguar XK 140 Ghia von Matrix und Jaguar XK 150 Ghia Aigle von Kess, 1:43

In den 50er Jahren waren die italienischen Carrozzieri das Maß der Dinge. Das führte dazu, dass oft auch Chassis ausländischer Marken dort mit einem Maßanzug versehen wurde. Für den Sammler ist sehr erfreulich, dass er dank Herstellern wie Matrix- oder Kess-Scale Models auch solche Autos in die Vitrine stellen kann, wenn er bereit ist, etwas tiefer in die Tasche zu greifen.

Beginnen wir mit dem früheren Modell: Der XK 140 löste im Herbst 1954 den XK 120 ab. Der damalige Designchef von Ghia, Giovanni Savonuzzi, zeichnete für den Jaguar eine durchaus elegante, mit italienischen sowie amerikanischen Einflüssen versehene Karosserie. Die vorderen Stoßstangen mit ihren zu den Scheinwerfern hochgezogenen Elementen und der kleine Markengrill im Lufteinlass waren typisch und auch an einigen Alfa Romeos zu sehen, wie auch der filigrane Dachaufbau mit Panoramascheibe vorne. Die Heckform mit ihren angedeuteten Flossen und den hervorstehenden Rücklichtern erinnert etwas an amerikanische Dreamcars aus der Zeit. Die Zweifarbenlackierung des Vorbilds unseres Modells ist übrigens nicht original, dennoch wirkt sie elegant und passend. Savonuzzi war auch Professor an der Technischen Hochschule in Turin, unter seiner Leitung arbeiteten junge Designer wie Sergio Sartorelli, Sergio Coggiola und ein gewisser Bruno Sacco, die später noch für Furore sorgen sollten. Überhaupt gaben sich bei Ghia die großen Carrozzieri die Klinke in die Hand. Zu den Designern, die für die Turiner Firma arbeiteten, gehörten Virgil Exner, Vater und Sohn Boano, Giovanni Michelotti, Pietro Frua, Tom Tjaarda und auch Giorgetto Giugiaro, aus dessen Feder der Maserati Ghibli stammt. Der XK 140 war ein sauberes Design, aber sicherlich kein Meilenstein, weshalb sein Bekanntheitsgrad nicht allzuhoch sein dürfte. Auch an genauer Dokumentation über die Firma Ghia fehlt es leider, selbst der 1991 erschienene Catalogue Raisonné von Valerio Moretti gibt wenig Aufschluss. Dass der XK 140 Ghia, wie dort angegeben, 1954 in Paris gezeigt wurde, erscheint unrealistisch, präsentierte Jaguar doch das Basisfahrzeug erst 1954 in London. Es könnten drei Exemplare existieren, zwei rote und eben der zweifarbige, der sich im Besitz eines belgischen Sammlers befindet und schon auf diversen Concours d'Élegance zu sehen war, wie zum Beispiel 2008 in der Villa d'Este. Auffälligster Unterschied neben der Lackierung ist die bei zwei Fahrzeugen vorhandene Hutze mit Lufteinlass auf der Motorhaube.

Das Matrix-Modell wirkt im Vergleich mit den Fotos sehr gelungen. Die beim Original relativ geringe Spurweite von 1,31 m ist berücksichtigt, die Reifen sind wieder zu breit. Die Speichenräder sind nicht gerade Spitze, die Farbtrennung der sonst sehr sauberen Lackierung könnte besser sein und die Fortsätze, auf denen die runden, kleinen Rücklichter sitzen, sollten ebenfalls einen runden Querschnitt haben. Das war's dann mit Kritik, ansonsten ist den Matrix-Leuten wirklich eine feine Miniatur geglückt. Die Gesamtproportion, die vielen kleinen Details als Ätzteile oder Decals, die sauber eingesetzten Fenster, dieser Jaguar ist ein kleines Schmuckstück für die Vitrine. Als typischer Vetreter des italienischen Designs der 50er Jahre bereichert er die Sammlung. Bei den kleinen Stückzahlen und dem betriebenen Aufwand lässt sich auch der Preis verstehen.

Das zweite Modell hat zwar einen sehr ähnlichen Namen, aber eine ganz andere Geschichte. Erstens basiert es auf dem weiterentwickelten Jaguar XK 150, den es ab Mai 1957 gab, zweitens wurde der Aufbau bei Ghia-Aigle hergestellt, einem 1948 in der Schweiz gegründeten Ableger der italienischen Carrozzeria, der sich 1953 selbständig machte. Aigle in der Westschweiz war der ursprüngliche und auch spätere Firmensitz, zwischendurch residierte man in Lugano, wo auch dieser Jaguar entstand, der dann allerdings die ersten Fotos vom neuen Sitz in Aigle schmückte. Gezeichnet wurde der XK 150 von Pietro Frua, der zu dieser Zeit für das Design bei Ghia Aigle verantwortlich war. Im Stil der Zeit trug das Auto Heckflossen mit vertikalen Rücklichtern, einen filigranen Dachaufbau mit Panoramascheiben, einen nach vorne ragenden Grill in Waffeleisenoptik und einiges an Chrom, der die gestreckte Seitenlinie unterstrich. Auffallendstes Merkmal sind sicherlich die Scheinwerfer, die zusammen mit den Blinkern in eine tropfenförmige Umrahmung eingebaut wurden. Der damalige Besitzer liess übrigens Scheinwerfer vom Mercedes 230 SL montieren, dieser Fauxpas ist inzwischen wieder beseitigt. Heute ist der XK 150 restauriert, 2008 leistete er dem XK 140 Ghia in der Villa d'Este Gesellschaft. Wer genauere Informationen wünscht, sei auf die Ghia-Aigle-Website verwiesen, Stefan Dierkes hat hier eine Unzahl von Informationen über die Firma und ihre Produkte zusammengetragen. Ob es zwei dieser Fahrzeuge gab bzw. gibt, ist bis heute unklar, der auch als Vorbild für das Kess-Modell dienende Wagen mit der Fahrgestellnummer S 834831 DN unterscheidet sich in einigen Details von dem Auto auf den Werksfotos. Am auffallendsten sind sicherlich die Lüftungsöffnungen sowie die Klappen in den Vorderkotflügeln.

Platziert man nun die beiden Modelle nebeneinander, kommen erste Fragen auf. Der XK 150 wirkt viel massiger als sein älterer Bruder. Bei vorbildgerecht gleichem Radstand hat das Kess-Modell rund 5 mm mehr Spurweite, das wären beim Original 21,5 cm! Dadurch wird das Modell natürlich auch zu breit und, um die Proportion halbwegs einzuhalten, auch zu hoch. Das Verfahren, Modelle nur nach Fotos ohne Ermittlung der Originalmaße zu entwickeln, kann fürchterlich danebengehen. Für sich betrachtet, ist der Kess-Jaguar schön gemacht und qualitativ sauber produziert. Im Vergleich schönere Speichenräder, reichhaltige Verwendung von Ätzteilen und Chromdecals, fein eingesetzte Fenster, die viel Sicht auf den zweifarbig gestalteten Innenraum ermöglichen, dass es dem Kühlergitter an Tiefe fehlt, ist noch zu verschmerzen. Das Fazit stimmt uns etwas traurig: Wenn man sich schon die Mühe macht, ein qualitativ feines Modell auf die Räder zu stellen, wäre eine genauere Recherche der Originalmaße unabdingbar. So bleibt ein bitterer Beigeschmack bei einem nicht gerade billigen Modellauto.

Gerade von den Herstellern solch hochwertiger Repliken wünschen wir uns genauere Arbeit und vielleicht etwas weniger Tempo beim Verwirklichen unserer Modellträume. Für ein perfektes Modell ist man sicherlich gerne bereit, etwas tiefer in die Tasche zu greifen, aber dann sollte wirklich alles passen!

Unsere Fotomuster kommen von unserem Fachhandelspartner Cologne Model Cars, vielen Dank für die Unterstützung.

Fotos und Text: Rudi Seidel

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