Sonntag, 30. November 2025

Historie und Wiederauferstehung - „Mercedes-Benz Kompressor mit Stromlinie“ von Harry Niemann bei Motorbuch

Kompressor und Stromlinie – so lauteten in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wichtige Schlagworte in der Entwicklung des Automobils, um die Fahrleistungen zu steigern. Mercedes-Benz gehörte zu den Vorreitern, bereits vor über 100 Jahren gab es Sportwagen mit Aufladung. Weiter ging es mit den S-Modellen bis hin zum SSKL, eines dieser Chassis wurde von dem bekannten Aerodynamiker Reinhard von Koenig-Fachsenfeld mit einer zigarrenförmigen Karosserie aufgebaut, Manfred von Brauchitsch siegte damit 1932 auf der Berliner Avus. Auf die S-Reihe folgte 1933 der Mercedes-Benz 380 mit einem Achtzylinder-Reihenmotor, daraus entstanden die berühmten 500K und 540K, elegante Hochleistungsfahrzeuge für die Reichen und die Schönen, zu denen natürlich auch die eine oder andere Nazigröße kam. Es gab alle möglichen Aufbauvarianten, ob Coupé, Innenlenker (=Limousine), diverse Cabriolets sowie den Autobahnkurier, ein aerodynamisch angehauchtes Coupé mit langem Fließheck, aber noch mit steil aufragendem Kühler. Natürlich konnte der Kunde ein Chassis erwerben und von einem Karosseriebauer nach Wunsch fertigen lassen. Alle diese Aspekte beschreibt Dr. Harry Niemann in seinem neuesten Werk genau, der eigentliche Aufhänger ist jedoch die Wiederherstellung des Mercedes-Benz 500K Stromliniencoupés von der 2000-km-Fahrt durch Deutschland 1934.

Dieses wie die anderen Werkswagen Rot lackierte Auto pilotierte Hans-Joachim Bernet, zusammen mit seinem Mechaniker Otto Müller holte er eine Goldmedaille. Nach dem Rennen wurde der 500K dem Rennfahrer Ernst Henne zur Verfügung gestellt, 1935 wurde der Aufbau durch eine Cabriolet-Karosserie ersetzt und das Auto nach München verkauft. Wie es dann weiterging, hat der Autor genau recherchiert, eine durchaus spannende Geschichte! Auf über 50 Seiten schildert Niemann die Wiederentdeckung des Fahrzeugs, die Nachforschung, die ergab, dass es sich tatsächlich um das Chassis des Stromliniencoupés handelte, sowie die Rekonstruktion des Aufbaus mit allen Problemen, die entstanden und gelöst werden mussten. Das fertige Auto hat jetzt seinen Ehrenplatz in der Historie des Unternehmens gefunden und bildet mit den ebenfalls nachgebauten SSKL Stromlinie und 540K von 1938, der an Dunlop für Reifentests geliefert wurde, ein sensationelles Trio von Kompressor- und Stromlinienfahrzeugen. Mancher mag solchen Repliken kritisch gegenüberstehen, wenn aber, wie in diesen Fällen, möglichst nahe am Original gearbeitet wurde, um verloren gegangene Autos der Nachwelt zeigen zu können, empfinde ich das als gute Sache.

Der Autor hatte natürlich aufgrund seiner früheren Tätigkeit als langjähriger Leiter des Konzernarchivs einen direkten Draht zu allen Informationen, dazu kommt sein freundschaftliches Verhältnis zu Jan Melin aus Schweden, der bereits 1985 und 2003 ein zweibändiges Werk über die Achtzylinder-Kompressor-Mercedes verfasst hatte (Diese Titel sind derzeit nur antiquarisch und ziemlich teuer zu bekommen). So konnte ein sehr informatives und interessantes Buch entstehen.

Einleitend erklärt Niemann die Technik und Entstehung des Kompressors zur Leistungssteigerung und zeigt die ersten Fahrzeuge von Mercedes, bevor er zum Hauptthema kommt, eben den Achtzylinderwagen mit Aufladung. Ebenso verfährt er mit dem zweiten Aspekt, der Stromlinie, indem er mit dem Blitzen Benz und dem Tropfenwagen die Pioniere dieser Entwicklung und andere markante Karosserien zeigt. Die Geschichte der Mercedes Benz 500K und 540K bildet das nächste längere Kapitel, sehr ausführlich wird die 2000-km-Fahrt durch Deutschland 1934 dokumentiert, bevor eben die schon erwähnten 50 Seiten kommen, die dem roten Coupé gewidmet sind. Ein paar kleine Sidekicks fanden Platz, zum Beispiel Rudi Caracciolas Autobahnrekordfahrt 1938, ein Porträt des Grafikers und Malers Willi Vogt, der für die gezeigten Prospektzeichnungen der Autos verantwortlich war, oder auch kurze Biographien der wichtigsten handelnden Persönlichkeiten.

Insgesamt gefällt mir das Buch sehr gut, es ist sauber lektoriert, Druck, Gestaltung und Bildwiedergabe genügen hohen Ansprüchen. Etwas Kritik gebührt der nicht immer stringenten Gliederung, manchmal entsteht der Eindruck, dass verschiedene bereits vorhandene Artikel eingeflossen sind, was zu Wiederholungen führt. Den Anspruch des Autors, seriöse Arbeit abzuliefern, unterstreichen andererseits ein Personenregister, eine ausführliche Literaturliste, Fussnoten bei Zitaten sowie Tabellen mit Produktionszahlen und technischen Daten.

„Mercedes-Benz Kompressor mit Stromlinie“ von Dr. Harry Niemann ist bei Motorbuch erschienen, 192 Seiten, 180 Abbildungen, ISBN 978-3-613-04585-9, Preis in Deutschland 49,90 Euro. Erhältlich direkt beim Verlag oder im guten Buchhandel.

Rezension: Rudi Seidel

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