Freitag, 15. August 2025
Unterhaltsamer Lesestoff - „Die großen Mercedes - Vom Adenauer zur S-Klasse“ von Alexander F. Storz bei Motorbuch
Offiziell gibt es im Programm von Mercedes-Benz erst seit 1972 eine S-Klasse, aber wenn man, wie Alexander Franc Storz in seinem neuesten Werk, die Markengeschichte verfolgt hat, kann man die Ursprünge bis in die frühen 50er Jahre nachvollziehen. Und neben dem 1951 präsentierten 220 gehört sicher der im gleichen Jahr gezeigte 300 in die Reihe, wenn er auch damals eher dem Luxussegment zuzurechnen war. Kurz nach dem Kriegsende war ein Dreiliter-Sechszylinder nur für wenige Menschen erschwinglich. Wenn man denkt, dass rund 20 Jahre später sechs Zylinder und 2,8 Liter Hubraum die Basismotorisierung darstellten, sieht man, wie sich die Verhältnisse geändert haben.
Der Autor geht das Thema S-Klasse in seinem bekannten und bewährten Stil an: Im Vordergrund stehen neben der Entwicklung der einzelnen Baureihen auch ihre Einordnung in die Zeitgeschichte, sowohl wirtschaftlich, aber auch unter politischen und sozialen Aspekten. Das Buch ist kein Nachschlagewerk, dazu würden Tabellen mit Daten, Produktionszahlen und Preisen gehören, die komplett fehlen, sondern ein Lesebuch im besten Sinne. Man erfährt viel Interessantes über die verschiedenen Typen, die handelnden Personen sowie den Zeitgeist, der in den betreffenden Jahrzehnten von 1950 bis in die 90er Jahre herrschte. Die Aufregung nach der Präsentation des W140 wegen seiner Dimensionen war zum Beispiel immens, heute könnte er sich auf einem Parkplatz hinter den gängigen SUVs gut verstecken.
Die umfangreicheren Kapitel gehören natürlich den Baureihen, die das hauptsächliche Interesse von Storz bedienen, wie er selbst schreibt, ab dem W220 von 1998 fasst er sich kürzer, das sind für ihn Gebrauchtwagen, womit er beim Rezensenten auf offene Ohren stößt, dieses Gefühl kenne ich von diversen Messen wie der Retroclassics in Stuttgart, wo diese Spezies von Fahrzeugen sich immer breiter macht.
Der Bogen zieht sich also vom 300 über den ersten 220, beide noch im Stil der Vorkriegs-Mercedes karossiert, über den Ponton, die Heckflosse, den W108 inklusive des 300 SEL 6,3, die erste offizielle S-Klasse W116 zum W126, in vielen Augen die gelungenste S-Klasse bisher, sowie zum anfangs unbeliebten W140. Danach kam noch der fast zu unauffällige W220, der vor allem durch große Rostprobleme bekannt wurde. Bei diesen Typenreihen zieht Storz alle Register, vor allem dank seines reichhaltigen Bildarchivs findet der Leser viel noch nicht veröffentlichte, zeitgenössische und spannende Fotos. Natürlich werden die jeweiligen Coupés und Cabrios nicht vergessen, dazu kommen Sonderkarosserien, Tuningversionen und auch einige Rennsporteinsätze der verschiedenen großen Mercedes-Typen.
Das Buch ist, wie bei diesem Verlag üblich, gut produziert, Druck, Bindung und Bildwiedergabe sind einwandfrei, bei manchen Motiven wie alten Dias oder Amateuraufnahmen muss man nachsichtig sein. Das Lektorat war aufmerksam, selbst bei gründlichem Lesen sind mir nur zwei kleine Fehler aufgefallen.
Alexander Franc Storz ist ein unterhaltsames und informatives Werk über die Mercedes S-Klasse gelungen, Technik- und Daten-Freaks müssen allerdings auf andere Quellen zurückgreifen. Als Ergänzung empfehlenswert finde ich das bereits 1993 beim Bleicher Verlag erschienene Buch von Heribert Hofner zum gleichen Thema, das logischerweise die Typen bis zum W140 beinhaltet und antiquarisch zu finden ist.
„Die großen Mercedes - Vom Adenauer zur S-Klasse“ von Alexander Franc Storz ist beim Motorbuch Verlag erschienen, 224 Seiten, ca. 350 Abbildungen, ISBN 978-3-613-04750-1, Preis in Deutschland 39,90 €. Einige Seiten als Vorgeschmack sind unter "Blick ins Buch" zu finden.
Fotos: © Motorbuch Verlag, Rezension: Rudi Seidel










