Mittwoch, 27. März 2024

Vollgas zu Hause: „Jungs, eure Kinderträume – Die Rennbahnen der 70er“ von Jörg Trüdinger bei Motorbuch

Nach den beiden Vorgängertiteln über Modellautos und H0-Miniaturen geht es in diesem Buch um den Einzug des Motorsports in die Kinderzimmer. Slot-Racing ist zwar normalerweise nicht unser Thema, aber natürlich haben wir als Kinder gerne damit gespielt. Jörg Trüdinger, seit vielen Jahren in Stuttgart Händler für Sammlerartikel, aber auch Besitzer und Fan unzähliger Modellautos, will den Leser in die 70er Jahre und den damals grassierenden Autorennbahn-Boom versetzen. Dazu hat er acht der wichtigsten Hersteller ausgewählt, erzählt kurz den Werdegang der Marken und erklärt die Gründe für Aufstieg und Niedergang, zeigt Beispiele aus der Produktion, aber auch Ausschnitte aus Prospekten und Katalogen.

Zu bestimmten Bahnen weiß er eine persönliche Geschichte, in der man sich in ähnlicher Form selbst wiederfindet. Mir ist dadurch sofort wieder meine erste Erfahrung mit dem Thema in den Sinn gekommen: Als Weihnachtsgeschenk lag 1965 eine Anfangspackung von Revell mit Chevrolet Corvette und Ferrari 250 GTO unter dem Baum, es sollte ja was besonderes sein, nicht die alltägliche Carrera-Bahn. Doch beim Zusammenstecken der Fahrbahnteile scheiterten Vater und Sohn, selbst der am Heiligabend(!) herbeizitierte Spielzeughändler fand keine Lösung. War wohl ein Fabrikationsfehler, alle Teile mussten eingesendet und ausgetauscht werden, das Fest war natürlich auf dem Tiefpunkt angekommen. Später kamen noch Erfahrungen in der Verwandtschaft mit der kleinen Faller Auto Motor Sport sowie der Stabo Car dazu, auch da könnte ich noch Geschichten erzählen. So gesehen hat Jörg Trüdingers Buch schon einmal seinen Zweck erfüllt, Erinnerungen zu wecken!

Dass man auf 96 Seiten nicht alle Fabrikate und deren Produkte zeigen kann, dürfte klar sein. Der Autor hat sich die populärsten Produzenten ausgesucht und beginnt logischerweise mit Carrera, dieser Name ist ja ein Synonym für Autorennbahnen wie zum Beispiel Tempo für das Papiertaschentuch. Von den Anfängen in 1:32 geht Trüdinger über die Carrera 124, die Transpo und die spätere Servo durch die Jahre, aber auch Kuriositäten wie die Carrera Jet mit Flugzeugmodellen werden nicht vergessen.

Der Modellbahnhersteller Fleischmann versuchte sich mit der „Auto Rallye“, einer qualitativ hochwertigen Bahn mit vor allem anfangs sehr schönen Rennautomodellen. Scalextric aus England gehörte zu den Pionieren und existiert sogar noch heute, natürlich haben sich die Besitzverhältnisse wie auch beim anderen Überlebenden Carrera mehrfach geändert. Auch Märklin wollte sozusagen auf den Rennbahnzug aufspringen, das „Sprint“ genannte Programm profitierte sicher von der Präsenz der Marke im Spielzeug- und Modellbahn-Handel, konnte sich aber langfristig nicht durchsetzen, wie auch die „Stabo Car“ Bahn der damals hauptsächlich für Fernsehantennen bekannten Firma FUBA.

Aurora und Faller ams waren im kleineren Maßstab unterwegs, die Maßstabsbezeichnung H0 war aber eine Mogelpackung, man war eher im Bereich von 1:66 angesiedelt und für richtigen Rennbetrieb waren die kleinen Autos suboptimal. Während Aurora versuchte, sich durch Magnettechnik und passende Modelle in Richtung Rennsport zu entwickeln, ging man bei Faller den Weg der Ergänzung der Modelleisenbahn durch motorisierten Straßenverkehr. Einen Sidekick bildete das Hit Car-Programm, das mit unmotorisierten Autos mit Schnelllaufrädern den Hot Wheels von Mattel Paroli bieten sollte.

Schließlich war der Autor der Meinung, dass die Darda-Bahn mit ihren Autos mit Rückzugmotor und den wilden Strecken mit Mehrfachloopings und weiteren Verrücktheiten ebenfalls dazu gehören soll. Persönlich empfand ich die Ausführung der Autos viel zu spielzeughaft und den Unterhaltungswert eher limitiert, aber meine Kinder hatten so etwas natürlich auch und damit schließt sich irgendwie der Kreis.

Und um ehrlich zu sein, kaufte ich in den 90er Jahren eine schöne Rennbahn von NINCO, einem Hersteller aus Spanien, wo das Hobby intensiv gepflegt wird, natürlich in erster Linie für den Nachwuchs! Raten Sie mal, wer heute noch damit spielt...

Es macht wieder viel Freude, in Jörg Trüdingers neuestem Buch zu blättern und zu lesen. Die Texte sind flüssig verfasst und nicht ausufernd, die Fotos von hoher Qualität, wie auch die Reproduktion von Motiven aus alten Prospekten bzw. Katalogen. Das Layout ist klar und übersichtlich, Druck und Verarbeitung sind tadellos. Für 16,95 € bekommt man ein nettes, unterhaltsames Buch zum Thema. Dass man es mit der Titelzeile „Rennbahnen der 70er“ nicht ganz genau nimmt, sehe ich sogar positiv, Überschneidungen mit der Zeit davor und danach sind logisch.

„Jungs, eure Kinderträume – Die Rennbahnen der 70er“ von Jörg Trüdinger ist beim Motorbuch Verlag erschienen, 96 Seiten, ca. 130 Abbildungen, ISBN 978-3-613-04638-2, Preis in Deutschland 16,95 €

Fotos: Rudi Seidel (© Motorbuch Verlag), Rezension: Rudi Seidel

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