Dienstag, 23. Januar 2024

Perfekte Chronik - "Von Blendern, Siegern, Sechszylindern...", Das staatliche DDR-Rennkollektiv 1951-1957 von Hendrik Medrow

Die Bedingungen für Motorsport waren in der DDR im Prinzip nicht besonders gut, dennoch haben immer wieder rennbegeisterte Amateure Mittel und Wege gefunden, sich zu betätigen, ob mit Rallyeautos, Sportwagen oder sogar Monoposti. Allerdings bekam man in Westdeutschland davon nicht viel mit, vor allem nach dem Mauerbau 1961 schottete man sich vom kapitalistischen Nachbarn ab. Nur in den frühen 50ern konnte sich, sogar mit staatlicher Unterstützung, ein Team von Technikern und Fahrern international betätigen und beachtliche Erfolge erzielen. Die Geschichte dieses DDR-Rennkollektivs hat Hendrik Medrow von der Vorgeschichte bis zur Auflösumg minutiös aufgezeichnet.

Nachdem bereits 1949 das erste Autorennen in der Sowjetischen Besatzungszone stattfand, an dem schon Eigenkonstruktionen aus Eisenach teilnahmen, beschloss die Werksleitung einen Stopp der Aktivitäten. Dann kam ein gewisser Dr. Ernst Ring aus dem Westen ins Spiel, der es tatsächlich schaffte, Politiker und Behörden so einzuwickeln, dass sie der Gründung des sogenannten DAMW-Rennkollektivs zustimmten, das dem „Deutschen Amt für Material- und Warenprüfung“ unterstellt war, von dort kam der Auftrag, vier neue Rennautos zu bauen. Obwohl sich der gute Dr. Ring als Hochstapler herausstellte, hatte er insofern seinen Verdienst, dass es mit dem staatlichen Rennteam weiterging. Zwischen 1951 und 1956 waren die DAMW, EMW oder AWE genannten Fahrzeuge vor allem in der Sportwagenklasse bis 1,5 Liter international konkurrenzfähig, was unter anderem ein Triumph über den härtesten Gegner Porsche beim Eifelrennen 1955 am Nürburgring zeigte. Viele möglichen Siege scheiterten aber an mangelhafter Materialqualität, falscher Strategie oder Fahrfehlern. Von den eingesetzten Piloten genügten lediglich Edgar Barth und mit Einschränkungen Arthur Rosenhammer höchsten Ansprüchen, was Barth ja später bei Porsche bestätigen konnte. Das Ende des Rennkollektivs kam dann nach der Saison 1956, es fehlten die Zukunftsaussichten, vor allem deshalb, weil die Rennfahrzeuge mit ihren noch auf dem Sechszylinder-Triebwerk des BMW 328 basierenden mit der Serienfertigung von Zweitaktmotoren in der DDR absolut nichts zu tun hatten.

Hendrik Medrow hat mit diesem Buch eine außergewöhnliche Chronik dieser Zeit geschaffen. Vom Wiederaufbau und den Verhältnissen kurz nach dem Zusammenbruch führt er in den Beginn der Rennaktivitäten und zeigt die Entstehung der ersten Rennwagen. Alle Rennteilnahmen sind dokumentiert, dazu verwendet er gerne Auszüge aus dem zeitgenössischen DDR-Fachblatt „Illustrierter Motorsport“ sowie aus Aufzeichnungen des Teams. Das Bildmaterial ist sensationell, wie der Autor selbst schreibt, stammt vieles davon aus privaten Archiven und Fotoalben. Dazu findet der Leser noch Streckenpläne und Ergebnislisten mit Startnummern. Eingeschobene Artikel befassen sich mit den Konkurrenzfahrzeugen, den Fahrern und anderen wichtigen Persönlichkeiten, diese sind durch farbige Hinterlegung im Layout gekennzeichnet. Eine nette Idee ist die Reproduktion der Rennplakate zu jeder Veranstaltung.

Besonders interessant ist die Darstellung der Hintergründe technischer und vor allem politischer Art. Der Einfluss der Machthabenden nahm manchmal kuriose Züge an, vieles lief natürlich über Beziehungen, wie zum Beispiel die Beschaffung von Material aus dem Westen. Auch Anekdoten kann der Autor erzählen, wie die von den Rennanzügen, die ohne Knöpfe aus der Reinigung kamen, oder von der Trinkflasche, die dem Fahrer Paul Thiel 1955 am Nürburgring zu schaffen machte. Bei Edgar Barths Siegesfahrt beim Eifelrennen im gleichen Jahr verwechselte die Mannschaft Plus und Minus bei den Boxensignalen, was schlimmstenfalls den Erfolg hätte verhindern können, deshalb gab es vor dem nächsten Rennen in Leipzig eine Nachschulung. Die Reproduktion einiger interner Dokumente zeigt, wie schwierig zeitweise der Stand der Teamführung war und welcher Ton in der Korrespondenz vorherrschte.

Einige Statistiken, wie z.B. die Einsätze mit Fahrgestellnummern und Motoren oder die Platzierungen der diversen Fahrer, aber auch ein kurzes Kapitel über den Verbleib einiger der Fahrzeuge vervollständigen das Buch, selbst der DDR-Rennfahrerfilm „Rivalen am Steuer“ oder der Versuch, die beiden für die Russen produzierten Sokol 650 für Einsätze in der Formel 1 zu präparieren, sind dokumentiert.

Das Layout ist sehr gefällig, die Texte gut lesbar und perfekt lektoriert, die Bildwiedergabe meist optimal, natürlich muss man berücksichtigen, dass manche Fotovorlagen eher schlecht waren. Rundum ein gelungener Titel, der in keiner Rennsportbibliothek fehlen sollte. Für 49,- Euro bekommt der Leser sehr viel geboten!

„Von Blendern, Siegern, Sechszylindern... - Das staatliche DDR-Rennkollektiv 1951-1957“ von Hendrik Medrow ist bei HB-Werbung und Verlag erschienen, 336 Seiten, über 700 Fotos und Grafiken, Format DIN A4 mit Festeinband, ISBN 978-3-00-076350-2, Preis in Deutschland 49,- Euro.

Fotos: © HB-Werbung und Verlag, Rezension: Rudi Seidel

unsere fachhandelspartner:

Falls Sie Interesse an unserem Partnerprogramm haben freuen wir uns über eine Nachricht an info@auto-und-modell.de.