Montag, 4. Dezember 2023

Umfassender Überblick mit faszinierenden historischen Bildern - "Alfa Romeo Prototipi 1948-1962" von Patrick Dasse bei Dingwort

Patrick Dasse hat sich einen Namen als Autor hervorragender Bücher über verschiedene Alfa Romeos gemacht, „Alleggerita“ über die Giulia GTA und einige Bände über Giulia, Spider, Montreal usw. gelten inzwischen als absolute Referenz, um die Originalität von Fahrzeugen festzustellen oder bei Restaurierungen Klarheit zu verschaffen. Dazu erhielt Dasse Zugang zum unerschöpflichen Werksarchiv, musste allerdings Detektivarbeit erbringen, um die Bilder zu beurteilen und zuzuordnen. Während der Recherche konnte er feststellen, dass über die rennsportlichen Aktivitäten der Marke ebenfalls viele Fotos im Archiv schlummerten. Daraus entstand der Wunsch, auch diesen Bereich zu dokumentieren. Wie der Autor selbst schreibt, fand er großartige Unterstützung in der Person von Dr. Marco Fazio, zur Zeit der Recherche Leiter des Centro Documentazione von Alfa Romeo in Arese, aber auch von anderen wichtigen Personen im Museum. Des weiteren konnte er auf die Hilfe anderer Alfa Romeo-Spezialisten wie John de Boer oder Simon Moore vertrauen, die seinem Vorhaben wohlwollend gegenüber standen und Material aus ihren Archiven zur Verfügung stellten. Das hier vorgestellte „Prototipi Alfa Romeo 1948-1962“ ist übrigens bereits die zweite Neuerscheinung 2023 von Patrick Dasse, zusammen mit Martin Übelher erarbeitete er eine fünfbändige Dokumentation über die Alfa Romeo Giulia TZ. Dieser Mammuttitel von 1.500 Seiten enthält in zwei Bänden die Entwicklungsgeschichte, die weiteren drei Bände stellen ein komplettes Register aller produzierten Fahrzeuge dar. Dieses wahrlich große Werk ist auch direkt beim Verlag erhältlich.

Doch nun zu den zwei Bänden über die Prototypen von Alfa Romeo, die natürlich in erster Linie sportlichen Aktivitäten dienten. Wie Patrick Dasse schildert, war deren Entstehen vor allem der Rennfaszination der leitenden Ingenieure zu verdanken, die neben der lebenswichtigen Serienentwicklung immer noch etwas Zeit, Geld und Material fanden, um oft faszinierende, wenn auch aufgrund der mangelnden Ressourcen nicht immer erfolgreiche Fahrzeuge zu schaffen. Sehr positiv ist zu vermerken, dass eine ganze Menge dieser Rennwagen überlebt hat, was nicht die Regel ist, siehe Ferrari, wo sie oft einfach verschrottet wurden. Wenn die Legende zutrifft, hat Luigi Fusi, damals Mitarbeiter bei Alfa Romeo, viele Autos im alten Werk in Portello versteckt.

Alleine 50 Seiten sind dem Alfa Romeo 6C 2500 Competizione gewidmet, einem nur dreimal gefertigten, ziemlich kompaktem Coupé, mit dem man unter anderem von 1948 bis 1951 an der Mille Miglia teilnahm. Über die Weiterentwicklung 6C 3000 Competizione geht es dann zu den verschiedenen „Disco Volante“, den fliegenden Untertassen von Alfa Romeo, die mehr durch ihr auffälliges Design als durch ihre Erfolge berühmt wurden. Auf über 130 Seiten findet man Beschreibungen und Fotos, dabei auch solche Kuriositäten wie den (vergeblichen) Versuch, eines der Autos zum Transport in ein Flugzeug zu verladen. Der ab 1953 eingesetzte Typ 3000 CM konnte immerhin mit Juan Manuel Fangio trotz gebrochener Lenkung Rang 2 bei der Mille Miglia erreichen, die 24 Stunden von Le Mans waren allerdings ein Desaster. Neben Tests und Renneinsätzen werden auf 120 Seiten auch Designstudien von Pininfarina berücksichtigt. Es folgen zwei Kapitel über den 1900 Sport und das schicke, in zwei Exemplaren gebaute Coupé 1900 Sportiva mit Bertone-Karosserie. Sehr interessant sind die Giulietta als Spider Monoposto und der in Zusammenarbeit mit Abarth gefertigte 750 Competizione. Ebenfalls gemeinsam mit dem PS-Zauberer aus Wien entstanden der Rekordwagen Alfa Romeo Abarth 1100 sowie das knuffige Coupé Alfa Romeo Abarth 1000, jeweils mit hubraumreduzierten Giulietta-Triebwerken. Nächster Co-Produzent wurde dann Virgilio Conrero, der durch erfolgreiches Tuning von Alfa-Motoren bekannt wurde. Bei ihm entstand ein zierlicher Rennsportwagen, ebenfalls mit verkleinerten Giulietta-Motoren, der als Conrero Sport 1150 bekannt wurde, aber weder bei der Targa Florio noch in Le Mans ins Ziel kam. Letzter Prototyp in Dasses Buch ist die Giulietta GT mit einem Gitterrohrrahmen und einer Zagato-Karosserie, ein Vorläufer der Giulia TZ.

Einige Aufnahmen zeigen die Entstehungsgeschichte des Firmenmuseums an seinen unterschiedlichen Standorten, zum Abschluss ließ sich der Autor nicht nehmen, einige hoch interessante Fahrzeuge mit Alfa Romeo-Technik zu präsentieren. Darunter sind die drei BAT von Bertone, der Conrero Alfa Romeo mit Ghia-Aufbau, auch ein Mille Miglia-Teilnehmer, der später zu einem Spider wurde, und als Exoten ein Sport Spider Colli sowie ein Cooper Disco Volante. Als letztes Auto wird die Pininfarina Giulietta Speciale 2 Posti Aerodinamica präsentiert, eine 1961 in Turin gezeigte Studie, die bereits deutlich das Design des späteren Alfa Romeo Duetto ankündigte.

Wie üblich hat der Autor versucht, den Lebenslauf der Fahrzeuge so präzise wie möglich zu dokumentieren, manches kann nur vermutet werden, das kennzeichnet Dasse aber deutlich. Immerhin existieren viele Bilder, ansonsten gibt es im Archiv scheinbar wenig Aufzeichnungen, darum hat sich wohl damals niemand intensiv gekümmert. Kurios andererseits, dass Alfa Romeo Fahrzeuge, die verunfallt vom Einsatz zurückkamen, genauestens fotografiert wurden. Besonders beeindruckend finde ich die vielen historischen Detailfotos von Cockpits und Technik, aber auch Aufnahmen vom Produktionsprozess. Faszinierend, wie die italienischen Blechkünstler selbst so extravagante Formen wie bei den Bertone BATs zustande brachten. Für den Freund historischer Rennfotos sind diese Bücher eine reichhaltige Fundgrube, Modellbauer und -sammler finden bisher unbekannte Motive. Alles in allem wird ein umfassender Überblick über die Aktivitäten von Alfa Romeo neben der Serienproduktion geboten.

Bildwiedergabe, Druck und Verarbeitung sind tadellos, wie auf einem Bild zu sehen, werden die beiden Bände in einem Umkarton geliefert, der der Aufbewahrung dienen kann. Der Text ist zweisprachig angelegt, immer in der linken Spalte Englisch, in der rechten Deutsch, damit kommt man gut zurecht. Bei den kursiv gesetzten Bildtexten fehlt mir leider die klare Trennung, ein Absatz zwischen den Sprachen würde die Übersichtlichkeit erhöhen. Der Text ist fehlerfrei, das ist inzwischen schon erwähnenswert, allerdings empfinde ich den Schreibstil manchmal etwas ermüdend mit häufigen Wortwiederholungen und der steten Umgehung des Genitivs. Des weiteren irritiert mich, dass in den Bildunterschriften oft das gleiche steht wie im Lauftext. Gut hingegen, wie genau der Autor die Fotos analysiert und auf jede noch so kleine Veränderung an den Fahrzeugen eingeht.

Letztlich ist der Gesamteindruck sehr gut, an diesem Titel kommt man nicht vorbei, wenn man sich für das Thema interessiert. Der Preis mag hoch erscheinen, aber man bekommt ja gleich zwei Bücher voll mit historischen, vielfach unveröffentlichten Fotos. Wer einmal auf einer Messe oder Auktion nach ähnlichen Bildern suchte, weiß, was man dafür auszugeben hat. Dazu kommt die hochwertige Qualität, unzählige Stunden an Recherche usw. des Autors und die sicherlich nicht allzu große Auflage.

Das Buch ist beim Dingwort Verlag erschienen und besteht aus zwei Bänden mit insgesamt 600 Seiten: „Alfa Romeo Prototipi 1948–1962 - Volume 1“, 300 Seiten mit 311 Schwarz-Weiß-Fotos und 28 Farbfotos, „Alfa Romeo Prototipi 1948–1962 - Volume 2“, 300 Seiten mit 302 Schwarz-Weiß-Fotos und 49 Farbfotos, Größe: 29 x 24,8 cm, Gewicht: 3,2 kg, Sprache: Englisch – Deutsch, Autor: Patrick Dasse, ISBN 978-3-87166-094-8, Preis in Deutschland 169,- Euro. Erhältlich direkt vom Verlag (portofrei) oder im Fachbuchhandel.

Fotos: Dingwort Verlag, Rezension: Rudi Seidel

unsere fachhandelspartner:

Falls Sie Interesse an unserem Partnerprogramm haben freuen wir uns über eine Nachricht an info@auto-und-modell.de.