Dienstag, 29. März 2022

Vom Dampfhammer zum High-Tech-Spielzeug: „Porsche Turbo – Die Ära der Turbo-Elfer“ von Dirk-Michael Conradt bei Motorbuch

Kennern der Materie kommen Titel und Autor sicherlich bekannt vor, Dirk-Michael Conradt befasste sich bereits 1991 mit diesem Thema und 2016 erschien eine wesentlich umfangreichere Ausgabe. Inzwischen hat sich wieder einiges getan, deshalb veröffentlicht Motorbuch soeben eine nochmals erweiterte Neuauflage auf dem Stand von 2021.

Die Geschichte des Porsche Turbo für die Straße begann eher holprig, einerseits steckte die Technik der Aufladung durch die eigenen Abgase für Straßenfahrzeuge noch in den Kinderschuhen, andererseits überschnitten sich die Entwicklung und Präsentation des ersten 911 Turbo genau mit der Energiekrise anfangs der 1970er Jahre. Dennoch blieben die Techniker hartnäckig und mit relativ geringen Entwicklungskosten und in Rekordzeit stand der Prototyp 1974 auf dem Pariser Salon. Die Eckdaten lesen sich heute nicht mehr so spektakulär wie damals, aber 260 PS aus 3 Liter Hubraum bei einem Leergewicht von 1140 kg waren eine Ansage, wenn auch die Leistungsentfaltung noch sehr brachial erfolgte. Wie Walter Röhrl in seinem Kommentar dazu sagt: „Du gibst heute Gas, und morgen geht’s los . . . Fahren können muss man schon damit.“

Dennoch wurde der Turbo-Elfer zu einer Erfolgsgeschichte, wie Conradt ausführlich beschreibt. Von der Fahrmaschine, dem ersten 930, ging es immer weiter mit Höchstleistungen und technischer Entwicklung, 1978 mit 3,3 Liter Hubraum und 300 PS, aber erst 1991 mit einem neuen Auto, dem 964. Der Turbo 3.6 kam dann 1993 schon mit 360 PS und Fünfganggetriebe, zwei Jahre später im 993 erstmals Allradantrieb und Doppelturbo mit 408 PS. Und so ging es munter weiter, neben mehr Leistung wurde der 911 auch größer, schwerer und zunehmend mit High Tech und elektronischen Gimmicks vollgestopft. Der aktuelle Turbo 992 kommt mit 3,8 Litern Hubraum und 580 PS daher, als Turbo S sogar mit 650 PS, dafür wiegt er leer nach DIN schon mal 1640 kg. Natürlich stecken im Porsche alle möglichen Fahrhilfen und Sicherheitssysteme, aber auch Spielereien wie eine Launch Control für optimale Startvorgänge. Wer's braucht . . .

Interessant ist auch die Preisentwicklung, anfangs sprach man von einem Grundpreis von 65.000,- DM, aktuell geht es bei 200.000,- Euro erst los, dafür bekommt man einerseits natürlich viel mehr, andererseits war der Anfangspreis 1975 auch schon im Bereich der damaligen Supersportwagen. Lustig ist der Blick auf die Serienbereifung: 1975 reichten vorne 185/70 VR 15 und hinten 215/60 VR 15, aktuell sind es 255/35 ZR 20 vorne und 315/30 ZR 21 hinten!

Dirk-Michael Conradt schafft es, wie von ihm gewohnt, die Geschichte des Turbo-Elfers sowohl unterhaltsam, technisch verständlich als auch sehr präzise zu beschreiben. Man kann jedes Detail über alle Bauserien erfahren, aber unter Auslassung der Kapitel, die die Technik in allen Feinheiten erklären, auch die historische Abfolge und zeitgenössische Meinungen gut verfolgen. Beim Lesen spürt man deutlich, dass der Autor den „gußeisernen“ Porsche-Fahrern näher ist, als der jüngeren Generation, die mehr auf moderne Elektronik steht. Die Kommentare von Walter Röhrl gehen in eine ähnliche Richtung, er betont einerseits die Mühelosigkeit und Sicherheit der neuen Turbos, aber ihm als perfektem Autofahrer liegt natürlich ein nur heckgetriebener Porsche mit Schaltgetriebe doch näher. So ist es sehr schön, dass dieses Buch nicht nur den „normalen“ Turbos gewidmet ist, sondern auch den Basisversionen für den Amateursport, beginnend beim 934 Turbo bis hin zu den verschiedenen GT2-Modellen und zuletzt dem sogenannten „New 935“. Das sind echte Rennautos, die aber noch straßentauglich sind und allerdings nur in die Hände von Könnern gehören. Conradt zeigt, was diese Versionen vor allem weniger als die Serie haben, um Gewicht zu sparen, und wie sie für den möglichen Renneinsatz optimiert wurden.

Das Buch ist sehr gut produziert, ein übersichtliches Layout, gut lesbare Schrift, nahezu fehlerfreier Text, die Bildwiedergabe und der Druck sind einwandfrei. Das Fotomaterial stammt größtenteils aus dem Archiv der Porsche AG, was kein Nachteil ist. Vor allem die Bilder und Zeichnungen der technischen Details können begeistern, wie auch die Fotos der Interieurs.

Wer sich in erster Linie für die frühen Porsche Turbo-Elfer interessiert, kann mit der vielleicht schon im Bücherschrank stehenden Ausgabe von 2016 zufrieden sein, wer aber auf dem Laufenden bleiben will, sollte unbedingt die geforderten 39,90 € ausgeben, das ist dieses Werk auf jeden Fall wert. Die Geschichte des langjährigen Erfolgs von Porsches Supersportwagen bleibt faszinierend.

„Porsche Turbo – Die Ära der Turbo-Elfer“ von Dirk-Michael Conradt ist beim Motorbuch Verlag erschienen, ISBN 978-3-613-04403-6, 320 Seiten, 300 Bilder, 39,90 €

Rezension: Rudi Seidel

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